Dieses Mal will ich kein neues Buch vorstellen, sondern ein Werk von 1978. Der 1914 in London geborene Autor, John Seymour, war zur Veröffentlichung dieses Buches bereits über 60 Jahre alt. Bereits damals traf er damit den Zeitgeist. Auch nach seinem Tod 2004 sind seine Bücher nach wie vor sehr beliebt. Warum das so ist, erklärt sich dem Leser nach dem ersten Aufschlagen. Dieses Buch ist ein wahrer Schatz voller aufschlussreicher Beschreibungen, Grafiken und Abbildungen sowie Tabellen und Bildtafeln.

Selbstversorgung

In der Einleitung beschreibt der Autor: „Ich habe meine Kindheit in England auf dem Lande verbracht […]. Damals gab es dort eigentlich nur Nutzgärten, denn die Landbevölkerung war auf diese einfach angewiesen. Frühmorgens wurde man vom lustigen Krähen der Hähne geweckt, weil nahezu jeder Hühner hatte. Auf dem Heimweg von der Schule rupften die Kinder ganze Arme voll Grünfutter für ihre Stallhasen, und fast jede Familie fütterte ein Schwein […]. Die Hühner, Kaninchen und Schweine sorgten nebenbei für den Gartendünger, und weil Kanalisation damals auf dem Lande etwas ganz Unbekanntes war, diente der Inhalt der Grube dem gleichen Zweck. Zusätzlich brachten die Bauern ihren Landarbeitern einmal im Jahr ein bis zwei Wagen Mist für die Gärten. Diese Gärten auf dem Lande waren unwahrscheinlich – sie quollen fast über vor Fruchtbarkeit. Gemüse zu kaufen, wurde gar nicht erwogen, und es war auch völlig unnötig“.

Selbstversorgung war bis in die vergangenen Jahrhunderte eher die Regel. Auch in Krisenzeiten, wie beispielsweise am Ende der Kriege sowie in den Nachkriegszeiten wurde Selbstversorgung aus dem Garten und damit auch das Thema Schrebergarten bzw. Kleingarten immer wieder populär. Mit fortschreitender Entwicklung der Agrarwirtschaft wurde Selbstversorgung immer mehr zum Hobby. „Der Garten bekam eine neue Bedeutung: Im nachbarschaftlichen Wetteifern wurde er zum Statussymbol. Der Gemüseertrag war nicht mehr lebenswichtig, jetzt spielten das satte Grün des Rasens und die Blumenpracht die erste Rolle.“, so John Seymour im Vorwort.

Heute wird Selbstversorgung aus einem anderen Grund wieder interessant. Lebensmittel in Supermärkten entziehen sich in vielerlei Hinsicht unserer Kontrolle. Weder können wir uns ihrer Herkunft sicher sein, noch wissen wir, wie die Feldfrüchte mit Nahrung versorgt wurden und schon gar nicht sicher ist, ob und wie viele Pestizide sich darauf und darin finden. Die Vielfalt wurde auf einige wenige Sorten reduziert und der Geschmack fiel Züchtungen zum Opfer, die rascher wachsen und länger im Supermarktregal halten. Selbst bei Bio-Lebensmitteln ist es meist so, dass sie sich in der Herstellung nur marginal von konventionellen Lebensmitteln unterscheiden. Selbstversorgung gibt uns die Sicherheit, sicher zu sein, womit eine Pflanze versorgt wurde, wie und wo sie gewachsen ist und dass sie tatsächlich frei von Pestiziden ist.

Inhaltsverzeichnis des Buchs "Selbstversorgung aus dem Garten" von John Seymour.

Inhaltsverzeichnis

Die Kapitel des Buches

Die Menge an geballter Information, die dieses Buch vermittelt lässt sich kaum beschreiben, geschweige denn in einer einfachen Rezension zusammenfassen. Dieses Inhaltsverzeichnis vermag somit nur einen kleinen Umriss des Inhalts zu liefern:

  • Einleitung
  • 1. Kapitel: Illustrierter Index der Gemüse, Früchte und Kräuter
  • 2. Kapitel: Die Gartenarbeit im Jahreslauf
  • 3. Kapitel: Die Planung des Nutzgartens
    Größe des Gartens, Planung der Gemüsebeete, Planung des Kräutergartens und Planung des Obstgartens.
  • 4. Kapitel: Die Grundlagen des erfolgreichen Gartenbaus
  • 5. Kapitel: Der Gemüseanbau
  • 6. Kapitel: Der Obstanbau
  • 7. Kapitel: Die Kräuter
  • 8. Kapitel: Der Anbau im Gewächshaus
    Gewächshaustypen, Bewässerung im Gewächshaus und Gewächshauspflanzen.
  • 9. Kapitel: Vorratswirtschaft
    Einsalzen, Trocknen, Pickles und Gewürzsoßen, Einmachen, Marmeladen und Gelees, Wein keltern, Most, Honigwein sowie Einfrieren.
  • 10. Kapitel: Verschiedenes
    Tiere im Garten, Drainage, Terrassen, Gartenwege, Hecken und Zäune, Der Gartenschuppen, Instandhalten der Geräte, Klimazonen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie Lebensdauer der Samen und Ertragserwartungen.
  • Register
Bildertafel im Buch "Selbstversorgung aus dem Garten" von John Seymour.

Bildertafeln

Plädoyer für den Organischen Gartenbau

Das Buch „Selbstversorgung aus dem Garten“ ist zwar schon älter, allerdings legte der Autor bereits damals ein gutes Wort für den Organischen Gartenbau ein. Heute würde man es vielleicht eher Bio-Gärtnern nennen. Seymour war seiner Zeit wohl weit voraus: „Zur gleichen Zeit, in der wieder der Wunsch entsteht, Nahrungsmittel selbst anzubauen, dringt auch ins Bewusstsein, dass die Rohstoffe der Erde, aus denen Energie gewonnen werden kann, begrenzt sind. Das einfache Ausbringen von Kunstdüngern wird im Gartenbau bald der Vergangenheit angehören. Die neue Generation der Gärtner lernt, allein auf die natürlichen Methoden zu vertrauen und ohne die Petrochemikalien auszukommen, von denen die Gartenarbeit abhängig geworden ist“.

Seymour plädiert in seinem Buch, Pestizide und Kunstdünger zu meiden und freut sich, dass trotz Unkraut und Schädlingsbefall im Organischen Gartenbau noch immer eine üppige und reichhaltige Ernte eingefahren werden kann. Leider hält sich der Autor innerhalb seines Buches dann doch nicht immer an diese anfänglich proklamierte Einstellung und gibt doch den einen oder anderen Pestizid-Tipp.

Pflanzen-Beschreibungen im Buch "Selbstversorgung aus dem Garten" von John Seymour.

Pflanzen-Beschreibungen

Über die Inhalte

Auf Fotos wurde komplett verzichtet, was dem Werk sogar einen ungeheuren Charme verleiht. Wie ich es auch aus anderen guten Büchern dieser Zeit kenne, wurde nicht nur viel Wert Struktur und Gestaltung gelegt. Auch an unzähligen detaillierten Illustrationen, durchdachten Tabellen und Grafiken mangelt es nicht.

Das Buch beschreibt nicht nur, wie es viele andere Gartenbücher tun, nur die Arbeiten und Pflanzen im Garten, sondern auch alle Aspekte von der ersten Planung des Gartens bishin zum Haltbarmachen und Lagern der Ernte. Sogar handwerkliche Techniken wie das Anlegen eines gepflasterten Weges, das Einrichten eines Geräteschuppens oder das Flechten von Weidenzäunen werden in Wort und Bild erklärt.

John Seymour erklärt unter anderem auch die Anbaumethode der „Tiefkultur“. Im Grunde ist der Trick dabei, die Erde tief umzugraben und zu lockern. Dieser Boden wird daraufhin nicht mehr betreten um jede Verdichtung zu vermeiden. Dadurch wurzeln Pflanzen eher senkrecht als waagerecht. Solche Beete können dichter bepflanzt werden und liefern einen größeren Ertrag auf derselben Fläche.

Einleitung des Buchs "Selbstversorgung aus dem Garten" von John Seymour.

Einleitung

Über den Autor: John Seymour

John Seymour wurde am 12. Juni 1914 in London geboren. Seine Ausbildung genoss Seymour in England und in der Schweiz. Er begann ein Studium der Agrarwissenschaft am College. Nach der Arbeit auf englischen Bauernhöfen zog er nach Afrika, wo er für fast zehn Jahre eine Schaf- und Rinderfarm leitete, in Kupferminen beschäftigt und als Tierarzt im Busch tätig war. Als Offizier kämpfte er in einem britischen Regiment in Nordafrika und Asien. Nach dem Krieg fungierte John Seymour als Landwirtschaftsexperte für den Wiederaufbau in Britannien.

Nach Kriegsende kehrte Seymour zunächst nach England zurück. Auf einem Fischerboot befuhr er alle Kanäle und schiffbaren Flüsse sowie die Küsten von Großbritannien. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich in dieser Zeit durch Schreiben und diverse Arbeiten für den Rundfunk. In dieser Zeit studierte er auch die Lebensweise der ländlichen Bevölkerung. Nach einem Reportage-Auftrag des BBC in Indien wurde Seymour für einige Zeit wieder in Afrika sesshaft.

Die Geburt des ersten Kindes brachte einen Sinneswandel in das Nomadenleben des Ehepaar Seymour und so wurde nach einer Farm gesucht um sesshaft zu werden. Es sollte noch bis 1957 und damit bis nach der Geburt des zweiten Kindes dauern, bis das Paar eine alte abgelegene Farm bezog, wo die Familie ausschließlich von ihren eigenen Erzeugnissen lebte. Einige Jahre später zog John Seymour mit seiner Frau Sally nach Wales auf die Fachoncle Isaf Farm mit 25 Hektar Land.

1961 veröffentlichte Seymour sein erstes Buch über seine Erfahrungen als Selbstversorger. 1973 folgte ein weiteres Buch, das er mit seiner Frau zusammen geschrieben hatte. Besonders in den 70er Jahren waren seine Bücher sehr erfolgreich.

1981 wurde dem Ehepaar ihr Hof in Wales zu groß und so wurde dieser den Kindern des Paares überlassen. Bis zu seinem Tod 2004 lebte John Seymour auf seiner Farm in Irland, wo er weitere Bücher verfasste. Auch heute werden dort Selbstversorger-Kurse abgehalten.

Bildbeschreibungen im Buch "Selbstversorgung aus dem Garten" von John Seymour.

Bildbeschreibungen im Buch

Mein Fazit

„Selbstversorgung aus dem Garten“ ist ein Buch der alten Schule, das vorrangig zur Wissensvermittlung dienen soll. Auch wenn das ursprüngliche Erscheinungsdatum bereits lange her ist und man daher immer auch das Hirn einschalten sollte, bevor man Inhalte in die Tat umsetzt, so ist dieses Buch dennoch ein echter Schatz für Bücher-Freaks und Garten-Liebhaber sowie Selbstversorger.

Mit Bedacht lesen

Natürlich ist das vermittelte Wissen bereits in die Jahre gekommen, allerdings ist meiner Meinung nach gerade das wichtig. In den letzten Jahrzehnten ging viel Wissen in diesem Bereich eher verloren. Das Buch dient als Bewahrer alten und teils in Vergessenheit geratenen Wissens. Dennoch sollte man achtsam sein und nicht einfach alle Tipps aus alten Tagen einfach ungefiltert übernehmen: Einfach altes Motoröl in Sand zum Abziehen von Werkzeugen zu schütten, ist wohl eher eine Umweltsünde. Auch das Gießen mit Nikotin oder sogar mit Mineralöl versetztem Wasser zur Schädlingsbekämpfung ist heutzutage nicht mehr anzuraten.

Ich vermute, dass der Autor sowie der Verlag immer wieder an dem Buch gearbeitet haben. Vermutlich hat sich auch die Weltsicht des Autors über die Jahre geändert und floss zu seinen Lebzeiten noch in die Korrekturen neuerer Auflagen ein. So erkläre ich mir die Inkonsistenz zwischen dem Anspruch des Organischen Gartenbaus und der zeitweiligen Empfehlung von Kunstdünger und Pestiziden.

Englisches Klima

Man merkt rasch, dass das Buch von einem Briten verfasst wurde, denn viele Tipps und Sorten könnten sich in Deutschland oder Österreich als problematisch herausstellen. Auch wenn die deutschsprachige Ausgabe mit Angaben und Klimatabellen für Österreich, Deutschland und die Schweiz versehen wurde, so werden hier sicherlich keine Orangenbäume im Garten wachsen. Der Leser sollte somit auch in Bezug auf das rauere Klima hierzulande über die Sinnhaftigkeit einiger Empfehlungen aus dem Buch nachdenken.

Standardwerk: Eine klare Empfehlung

Beim Schmökern und Lesen hat man die Gewissheit, dass der Autor genau wusste, wovon er schreibt. Immer wieder weist er auf die vielen Jahre hin, in denen er diese und jene Erfahrung sammeln konnte. Standardlehren wurden ebenfalls nicht einfach wiedergegeben, sondern nach bestem Wissen und Gewissen des Autors überarbeitet oder zumindest kritisch kommentiert. Besonders in Hinsicht auf die Umweltverträglichkeit sollte man natürlich einige Punkte besser als Relikt vergangener Tage ansehen. Alles in Allem überwiegen die interessanten Inhalte des Werks und so gibt es von mir eine eindeutige Kaufempfehlung!


Selbstversorgung aus dem Garten: Wie man seinen Garten natürlich bestellt und gesunde Nahrung erntet
John Seymour
Urania Verlag
ISBN: 978-3-783161-45-8

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