Im GartenGnom-Weblog haben wir hin und wieder schon einmal das Thema Guerilla Gardening angeschnitten. Die Website besitzt sogar eine eigene Kategorie für das Thema. Trotzdem konnten wir uns bisher nicht aufraffen, das Thema selbst zum Artikel zu machen. Das soll sich nun ändern.

Aus dem Hobby »Garten«, das einst als Tätigkeit für Pensionisten galt, wird mehr und mehr ein neuer Trend mit unglaublich vielen Facetten. Was tut man aber, wenn man zwar den Ruf des Gartens verspürt, aber nicht einmal einen Balkon besitzt? Eine Möglichkeit wäre es, die ganze Welt als riesigen Garten anzusehen. Dort, wo der Mensch diesen Garten durch Städte und Dreck verwüstet, kann man der Natur wieder auf die Sprünge helfen.

Ursprünglich wurde Guerillagärtnerei oder Guerilla Gardening als stiller politischer Protest und ziviler Ungehorsam gesehen, mittlerweile hat sich das „verbotene“ Gärtnern beinahe schon zum Trend für die urbane Verschönerung gemausert. Dennoch ist Guerilla Gardening weiterhin auch ein umstrittenes Thema, nicht nur weil es rechtlich gesehen problematisch ist.

Was aber ist Guerilla Gardening denn nun eigentlich? In diesem Artikel wollen wir das Thema gerne beginnen. Aufgrund der unzähligen Facetten und der zahlreichen Methoden werden wir aber sicherlich mit der Zeit noch viele spezifischere Artikel nachreichen.

Die Welt ist ein Garten – Lasst ihn uns bepflanzen

Die Überschrift muss ich eigentlich gleich wieder korrigieren, denn die Welt ist nur noch in kleinen, mehr oder weniger geschützten Reservaten ein ursprünglicher Garten. Rücksichtslos haben wir Menschen gewütet und uns riesige Welten aus grauem Beton uns schwarzem Asphalt errichtet. Wo man der Natur doch ein Recht zu Leben einräumt, wird sie in feste Bereiche gebannt, gestutzt, getrimmt, beschnitten und organisiert.

In Wien ist es vermutlich gar nicht so wild, denn die Stadt ist mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern verhältnismäßig klein. Zudem hat Wien unzählige Grünzonen und Parks, eine fleißige Stadtgärtnerei, ein strenges Gesetz zum Schutz der Bäume sowie eine eigene Umweltanwaltschaft. Trotzdem gibt es genügend verwaiste Grundstücke – sogenannte Gstättn. Wo ein wunderschöner Garten sein könnte findet man trostlose, trockene Erde und Schutt.

Die Lösung wäre so einfach: Es gibt genügend Anrainer, die sicherlich motiviert genug wären, sich auch um ihre unmittelbare Umgebung zu kümmern. Wenn sich jeder um das Stück Straße vor seinem Wohnhaus kümmern würde, dann könnte die ganze Stadt ein einziger Garten sein. Warum aber sollten wir uns um ein Stück Land kümmern, das uns gar nicht gehört. Vielleicht bekommen wir sogar rechtliche Probleme, wenn wir uns an etwas zu schaffen machen, das wir nicht besitzen? Genau da fangen die Probleme und Ängste vieler Menschen an. Es gibt aber auch einige, die sich einfach an die Arbeit gemacht haben und ihrer Wohngegend oder anderen Orten einen neuen Schliff gegeben haben.

Ein Garten auf fremdem Grund

Die Definition ist zwar nicht ganz eindeutig, aber verallgemeinert kann man alle nicht genehmigten Pflanzaktionen auf fremdem Grund als Guerilla Gardening bezeichnen. Mittlerweile gibt es aber auch die Unterscheidung in Urban Gardening auf besetztem Grund, bei dem es hauptsächlich um den Anbau von Lebensmitteln für den Eigenbedarf geht.

Die Mittel des Guerilla Gardening sind meist recht einfach:

  • Bereits ein paar Sonnenblumensamen, die man in die Erde einer Baumscheibe drückt, oder ein paar Ringelblumensamen, die man auf einer Verkehrsinsel »verliert«, sind Guerilla-Gardening-Aktionen.
  • Wer dem Saatgut Starthilfe geben will, der bastelt sich aus tonhältiger Erde, Kompost oder Regenwurmhumus, Wasser und Samen sogenannte »Seedbombs«. Diese harten Erdkügelchen vermengt mit Saatgut können leicht an den gewünschten Plätzen „verloren” oder an diese geworfen werden. Durch die Erde und den Kompost begünstigt man den Start für die Pflanze.
  • Gestalterisch aktiver kann man werden, wenn man vorgezogene Pflanzen und Sträucher auf brachliegendem Land einpflanzt, oder gar einen kompletten Garten mit verschiedensten Gestaltungselementen anlegt.

Daneben gibt es noch einige weitere Methoden die beim Guerilla Gardening genutzt werden und unzählige teils verrückte Orte an denen gepflanzt werden kann. Zum Beispiel kann man hier Moos-Graffiti nennen. Dazu wird Moos fein zerkleinert und mit Wasser oder selbst gemixten Nährlösungen durch Schablonen auf Mauern gespritzt oder gepinselt. Einige Zeit später wächst das Graffiti.

Besonders aktive Guerilla Gärtner scheint es in den USA und in England zu geben, doch auch in anderen Ländern existieren leidenschaftliche Guerilla Gärtner.

Richard Reynolds – Urgestein und Sprachrohr

In seinem Buch »Guerilla Gardening: Ein botanisches Manifest« schreibt Richard Reynolds über seine Erfahrungen und über Guerilla Gardening weltweit. Dabei erläutert er auch, weshalb es manchmal besser ist, nicht um Erlaubnis zu bitten – besonders wenn es um Behörden geht. „Ein Guerilla-Gärtner, der seine Aktionen immer korrekt absichern will, riskiert, alles zu verlieren. Du lässt deine Tarnung auffliegen, du gestehst, du drängst den Verantwortlichen in eine peinliche und defensive Position. Nachlässigkeit könnte in Einmischung umschlagen, und statt ein Auge zuzudrücken, sähe der Eigentümer vielleicht plötzlich ganz genau hin.“ Zumindest gilt dies für die Anfänge, denn wenn ein Projekt einmal gewisse Dimensionen erreicht hat, bleibt es nicht lange unentdeckt.

Spannend ist auch, wie Reynolds seine Langzeiterfahrungen mit dem Guerilla-Gärtnern beschreibt: Er begann seine triste und graue Nachbarschaft zu bepflanzen. Irgendwann erkannten die Grundstückeigentümer, wie sehr die Gegend aufgewertet wurde und die Grundstücks- und Mietpreise stiegen in die Höhe. Es kann so gut sein, dass ein Guerilla Gärtner aufgrund seiner Aktivitäten eine Gegend sosehr aufwertet, dass er sich irgendwann einmal den Wohnort nicht mehr leisten kann. Wie es sich hier in Österreich oder Deutschland verhalten könnte weiß ich nicht, aber ich denke dass es durchaus Bezirke in Wien gibt, wo man eine solche Entwicklung hervorrufen könnte.

Guerilla Gardening in Österreich

Auch in Österreich gibt es Guerilla-Gärtner. Leider erscheinen mir die meisten von ihnen aber sehr zaghaft oder überhaupt eher unfähig. Bei vielen scheint es mehr Jux und Lust auf Verbotenes zu sein, als ein Herz für Pflanzen. Die meisten bepflanzten Gstättn in Wien sehen nachher immer noch verwahrlost aus. Die britische Guerilla-Gardening-Szene hat da weit mehr Einfallsreichtum und gärtnerisches Können zu bieten. Sicherlich hilft dem Inselvolk aber auch das mildere Klima. Dennoch – Es existieren so viele heimische Pflanzen, die auch winterhart sind. Trotzdem wird in den meisten Fällen zu kurzfristig gedacht, was zwar einen netten Effekt hat, aber dennoch keine bleibende Verschönerung hinterlässt.

Eine der unnötigsten Aktionen, aber leider auch eine der bekanntesten, konnte man in den Stationen der Wiener U-Bahn entdecken. Nachdem in allen U-Bahn-Stationen das Rauchverbot eingeführt wurde, waren auch die Asche-Mülleimer verweist. In ebendiese Aschekübel setzte nun die Wiener Guerilla-Gardening-Gruppe »Kampolerta« Pflanzen und versah den Aschenkübel mit einem Aufkleber. Etwas dunkel und lebensfeindlich für die armen Blümchen, wie ich meine.

Dennoch ist »Kampolerta« auch für interessante Aktionen bekannt. So pflanzte die Gruppe 2007 bei der »Aktion Mauerblümchen« beispielsweise auch Gemüse im teils tristen Gelände des Wiener Schöpfwerkes. Das taten sie in provokativer Weise sogar direkt neben dem Polizeiwachzimmer in vernachlässigten Beton-Pflanzkübeln. Auf ihrer Website kann man auch die Kommentare der Polizisten nachlesen, die die Sache scheinbar sehr locker sahen: „Do schau her, Tomaten pflanzen tuans! Da fehlt jetzt noch Oregano, Zwiefel und Basilikum. Und dann braucht’s an drei Meter Zaun drumummadum!“.

Ggardening Wien betreibt unter anderem einen kleinen Gemeinschaftsgarten in Längenfeld (Wien). Fraglich ist aber, wer gerne frisch geerntetes Gemüse essen will, das zwischen U-Bahn und stark befahrener Straße gewachsen ist. Bio-tauglich ist das vermutlich nicht.

International gibt es Pflanzaktionen wie zum Beispiel den International Sunflower Guerrilla Gardening Day. Auch in Österreich gibt es immer wieder Pflanzaktionen zu denen auch offen aufgerufen wird. Ganz besonders sind hier Aktionen, bei denen Guerilla Gardening sogar erlaubt wird, wie bei der Aktion »Blühendes Zuhause« der Wiener Gemeindebauten sowie bei der Aktion »Pflanz’ mich!« von FiBL Österreich.

Grüner Vandalismus

Guerilla Gardening ist im Prinzip Vandalismus, Besitzstörung und anderes. Ganz klar ist die rechtliche Situation hier scheinbar nicht immer. Üblicherweise werden diese Delikte aber gerne von Eigentümern und Polizei »übersehen« und nicht geahndet (siehe Zitat der Polizisten bei der Aktion Mauerblümchen oben).

Im ÖkoStandard, den es dieses Wochenende (4. und 5. Juni 2011) zusammen mit der Wochenendausgabe der Tageszeitung derStandard zu kaufen gibt, findet sich auch ein Artikel über Guerilla Gardening. Interessant ist in diesem Artikel ein Interview mit dem Wiener Stadtgartendirektor Rainer Weisgram. Zum Einen erfährt man hier, dass auch den Stadtgärtnern zahlreiche private Gärten und Pflanzaktionen auf öffentlichem Grund nicht entgangen sind. Zum Anderen ist aber auch das Statement von Herrn Weisgram sehr positiv: „Wir werden sicher nicht überreagieren“. Zudem empfinde der Stadtgartendirektor es auch als wünschenswert, wenn sich Bewohner grün engagieren. Besser würde ihm aber die erlaubte Begrünung von öffentlichen Flächen gefallen – so zu lesen in derStandard (Wildes Gärtnern in der Großstadt).

Konsequenzen gab es bereits bei der geplanten, aber leider nie durchgeführten Aktion »Samenschleuder« im Rahmen des Weinviertelfestivals 2009. Dabei wollte man Päckchen mit handelsüblichen Saatgutmischungen wie Wildblumenwiese, Schmetterlingswiese, etc. mit einem Trägermaterial vermengt unter die Leute bringen. Diese hätten das Gemisch mit einem Pinsel, der sich im Päckchen befand auf ihre Autoreifen aufbringen sollen. Autoreifen transportieren Samen fremdländischer Pflanzen über weite Strecken und verstreuen sie schließlich in fernen Ländern. So sollte auch hier das Saatgut entlang der Straßenzüge verstreut werden. Gestoppt wurde die Aktion jedoch, da von der Niederösterreichischen Naturschutzbehörde keine Genehmigung erteilt wurde. Der Vegetationsökologe, auf dessen Intervention hin das Projekt gestoppt werden musste, empfahl in einem Telefonat sogar: „die Samen sollten am Besten alle verbrannt werden“ – so die Organisatorin Renate Pittroff im Interview mit dem ORF.

Ein guter Guerilla Gärtner hat vermutlich (außer im Winter) immer Saatgut bei sich. Eventuell befinden sich in seinem Rucksack oder Kofferraum auch Gartenwerkzeuge, Flaschen oder Kanister mit Wasser und mehr. All das ist völlig legal und niemand kann etwas dagegen sagen. Einzig das Verstreuen der Samen, oder gar das Bepflanzen von öffentlichem oder fremden Besitz ist problematisch. Zu dieser Problematik werden wir sicher noch weiter recherchieren und berichten.

Wir wollen hier weder einen Aufruf zu kriminellen Handlungen machen, noch Tipps für illegale Handlungen vermitteln. Uns liegt einzig und allein daran, über Guerilla Gardening, als Teil der Garten-Kultur und Garten-Szene zu berichten. Auch sprechen wir oft mit anderen über dieses Thema. Dabei gab es nicht nur positive Kommentare. Wir bekamen auch zu hören, dass es kriminell sei, so etwas zu tun. Nicht jeder teilt also die Sichtweise eines passionierten Gärtners. Für uns GartenGnome steht aber fest, dass es nur recht und gut sein kann, wenn Menschen Pflanzen dabei helfen, sich die Betonwüsten zurück zu erobern. Wichtig dabei ist immer, dass man hässliche, brachliegende Orte zu verschönern sucht. Orte, die zwar nicht dem eigenen Geschmack entsprechen, aber eindeutig mit Sorgfalt gepflegt und bewirtschaftet werden, sollten tabu sein.

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